Ein deutsch-tschechisches Märchen

Ein Interview mit der Drehbuchautorin Lucie Lechner, deren deutschsprachige Adaption von Božena Němcovás Märchen  „O Smoličkovi“  (dt.: „Vom Smoliček“) gerade verfilmt wird.

Es hätte eigentlich gar keinen Film geben sollen. Lucie Lechner wollte ursprünglich nur ein Märchen in der Heimatsprache ihrer Eltern vorlesen. Sie fragte ihre Mutter nach einem guten Textvorschlag und suchte sich dann einfach die kürzeste Erzählung aus Božena Němcovás Pohádky (dt.: Märchen) aus.

Doch als sie anfing, für diesen geplanten Audiobeitrag zu üben, war ihr Kopf plötzlich voll von Bildern aus dem Märchen, das sie so bedenkenlos gewählt hatte. O Smoličkovi (dt.: Vom Smoliček) – die Geschichte eines kleinen Jungen, der zusammen mit einem Hirsch im Wald wohnt und eines Tages seine Neugier über die Außenwelt nicht mehr im Zaum halten kann – ließ sie seitdem nicht mehr los. Wie Lechner es erklärt, war die Entstehung ihres Drehbuches ein ziemlich organischer Prozess: „Ich habe mir jeden Abend die Zeit genommen, mich ins Schlafzimmer verkrümelt und meinen Text gelesen. Es war dann plötzlich, dass der Smoliček im Schlafzimmer rumgerannt ist, und ich gedacht habe, das geht nicht, das ist jetzt keine Audio mehr, da ist ja ein Film. Er [Smoliček] hat mich einfach an der Hand genommen und abgeholt.“

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Der kleine Smoliček (Jakob Jilka) allein daheim | (c) Christian Müller www.christianmueller.org

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Ganz nah dran: Erzherzog Franz Ferdinands Hoffotograf Rudolf Bruner-Dvořák

Die Ausstellung  „Kaiser Franz Josef und Franz Ferdinand. Fotografien von Rudolf Bruner-Dvořák aus der Sammlung Scheufler “ im Kulturforum im Sudetendeutschen Haus.

Hätte es den Boulevard-Journalismus damals gegeben, so wäre es der Traum eines jeden Paparazzi gewesen: Fotograf am kaiserlichen Hofe mit Einblicken in das Alltagsleben des Herrschers zu sein. Rudolf Bruner-Dvořák (1864-1921) gelang es, mit seinen Aufnahmen den vor 100 Jahren in Sarajevo erschossenen Thronfolger Franz Ferdinand so zu beeindrucken, dass er diese exklusive Stellung im Jahr 1891 erhielt. Einige Dutzend Aufnahmen, die Bruner-Dvořák vom Erzherzog Franz Ferdinand und von Kaiser Franz Josef machte und die aus der privaten Sammlung des tschechischen Fotohistorikers Pavel Scheufler stammen, sind derzeit im Kulturforum im Sudetendeutschen Haus in München zu sehen. Scheuflers Fotoarchiv umfasst mehr als 30 000 Negative und Positive, die überwiegend aus der Zeit der Habsburgermonarchie bis 1918 stammen.

Rudolf Bruner-Dvořáks Franz Ferdinand und Kaiser Franz Josef bei einem unbekannten Manöver (Quelle: Sammlung Scheufler)

Rudolf Bruner-Dvořáks Franz Ferdinand und Kaiser Franz Josef bei einem unbekannten Manöver (Quelle: Sammlung Scheufler)

Rudolf Bruner-Dvořák (1864-1921) stammte aus dem ostböhmischen Přelouč, seine fotografische Ausbildung absolvierte er im Jahr 1887 beim hochangesehenen Münchner Hoffotografen Carl Teufel. Seine Berufsgenossen gingen, vor allem auch aus finanziellen Gründen, meist der Porträt-Fotografie nach, Rudolfs Leidenschaft galt jedoch der Momentaufnahme bzw. Fotografien, die zur Veranschaulichung der Berichterstattung genutzt wurden. Angeblich lehnte er Anfragen nach Porträt-Bildern wiederholt mit der lakonischen Erwiderung Ich mache nur Kühe, Pferde und Fabriken, und all das sind Sie nicht…“ ab.

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Ein alltäglicher Krieg

Eröffnung der Ausstellung „Fotografen des Krieges 1914 – 1918“ im Tschechischen Zentrum München.

Der 100. Jahrestag rückt immer näher. Der Erste Weltkrieg ist in aller Mund. Seit einigen Monaten wimmelt es in München von Veranstaltungen, die das Attentat von Sarajevo sowie den darauf folgenden Kriegsausbruch erläutern und erörtern. Warum war keine diplomatische Deeskalation der Julikrise möglich? Was ist der heutige Erkenntnisgewinn bei pauschalen Schuldzuweisungen an bestimmte Nationen? Könnte sich eine internationale humane Katastrophe derartiger Proportionen im 21. Jahrhundert wiederholen?

Auch im Tschechischen Zentrum München wurde am 3. Juni 2014 in Zusammenarbeit mit dem Adalbert Stifter Verein eine neue Ausstellung zu diesem heiß diskutierten Thema eröffnet. Allerdings ist die Ausstellung „Fotografen des Krieges 1914 – 1918“ keine gewöhnliche Sammlung von Bildern aus dem Ersten Weltkrieg. Vergebens sucht man nach den Schützengräben der Somme. Tatsächliches Kampfgeschehen ist nirgendwo zu sehen.

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Gustav Brožs „Schlafen mit Mädchen“ aus Fotografen des Krieges 1914 – 1918, einer Ausstellung der Tschechischen Zentren, kuratiert von Jaroslav Kučera

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Die Kunst des Übersetzens

Gespräch mit der renommierten Übersetzerin Kristina Kallert sowie Daniela Pusch (DE) und Frances Jackson (GB), Preisträgerinnen eines internationalen Übersetzungswettbewerbs zum 100. Geburtstag Bohumil Hrabals.

Anlässlich des 100. Geburtstags Bohumil Hrabals wurde gemeinsam von den Tschechischen Zentren sowie der Literatursektion des Prager Kunstinstituts ein Wettbewerb für Übersetzer unter 35 Jahren veranstaltet. Weltweit wurden junge Bohemisten aufgefordert, einen noch nicht in ihre Muttersprache übertragenen Prosatext aus dem Œuvre des subversiven Schriftstellers zu übersetzen. Für die deutschen Teilnehmer war es etwa die Kurzerzählung Perlička na dně (dt.: Perlchen auf dem Grund), die es zu übersetzen galt.

Daniela Puschs Übersetzung von Perlička na dně überzeugte die deutsche Jury im Hrabal-Übersetzungswettbewerb | (c) Tobias Melzer

Bis zum 28. Februar 2014 hatten sich insgesamt 138 Übersetzer aus 12 Ländern der Herausforderung gestellt. Aus ihren Einsendungen wurde pro Land eine Arbeit ausgezeichnet und deren Verfasser bzw. Verfasserin Mitte Mai mit einem dreitägigen Aufenthalt mit literarischem Programm in der tschechischen Hauptstadt prämiert. Die 10 Preisträgerinnen und zwei Preisträger trafen sich dort nicht nur mit unterschiedlichen Vertretern der tschechischen Literaturszene, sondern lernten auch einige etablierte Übersetzer kennen, die ihnen nützlichen Rat geben konnten.

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