Die Kunst des Übersetzens

Gespräch mit der renommierten Übersetzerin Kristina Kallert sowie Daniela Pusch (DE) und Frances Jackson (GB), Preisträgerinnen eines internationalen Übersetzungswettbewerbs zum 100. Geburtstag Bohumil Hrabals.

Anlässlich des 100. Geburtstags Bohumil Hrabals wurde gemeinsam von den Tschechischen Zentren sowie der Literatursektion des Prager Kunstinstituts ein Wettbewerb für Übersetzer unter 35 Jahren veranstaltet. Weltweit wurden junge Bohemisten aufgefordert, einen noch nicht in ihre Muttersprache übertragenen Prosatext aus dem Œuvre des subversiven Schriftstellers zu übersetzen. Für die deutschen Teilnehmer war es etwa die Kurzerzählung Perlička na dně (dt.: Perlchen auf dem Grund), die es zu übersetzen galt.

Daniela Puschs Übersetzung von Perlička na dně überzeugte die deutsche Jury im Hrabal-Übersetzungswettbewerb | (c) Tobias Melzer

Bis zum 28. Februar 2014 hatten sich insgesamt 138 Übersetzer aus 12 Ländern der Herausforderung gestellt. Aus ihren Einsendungen wurde pro Land eine Arbeit ausgezeichnet und deren Verfasser bzw. Verfasserin Mitte Mai mit einem dreitägigen Aufenthalt mit literarischem Programm in der tschechischen Hauptstadt prämiert. Die 10 Preisträgerinnen und zwei Preisträger trafen sich dort nicht nur mit unterschiedlichen Vertretern der tschechischen Literaturszene, sondern lernten auch einige etablierte Übersetzer kennen, die ihnen nützlichen Rat geben konnten.

Bei der abschließenden Veranstaltung zur Reihe „Hrabal inspirierend und inspiriert“ begegneten sich am 27. Mai 2014 zwei der Gewinnerinnen vor einem zahlreichen Publikum im Tschechischen Zentrum München wieder: Daniela Pusch aus Deutschland sowie Frances Jackson, die im britischen Wettbewerb mit ihrer Übersetzung von Polomy v lese (dt.: Baumbrüche im Wald) gesiegt hatte. Anwesend war ebenfalls ein Mitglied der deutschen Jury, die mehrfach preisgekrönte Übersetzerin Kristina Kallert. Unter der Moderation von Anna Knechtel vom Adalbert Stifter Verein gaben die drei Frauen Einblicke in ihre Arbeit und tauschten sich über die Irrungen und Wirrungen des Übersetzens aus.

Moderatorin Anna Knechtel vom Adalbert Stifter Verein (l.) mit der britischen Gewinnerin Frances Jackson (r.) | (c) Tobias Melzer

Moderatorin Anna Knechtel vom Adalbert Stifter Verein (l.) mit der britischen Gewinnerin Frances Jackson (r.) | (c) Tobias Melzer

Wie überträgt man Wortspiele? Was kann man tun, um den unvermeidlichen Verlust mancher Nuancen zu kompensieren? Worauf zielt eine Übersetzung eigentlich ab? Soll sie eine wortwörtliche Wiedergabe des Ausgangstextes sein, oder darf sie sich als eigenständiges literarisches Werk verstehen? Und als ob die Sache nicht schon kompliziert genug wäre, so gilt Hrabal – selbst bei erfahrenen Übersetzern – als ein kniffliger Kamerad, nicht zuletzt aufgrund seines reichhaltigen, musikalischen, aber oft rätselhaften Sprachgebrauchs. Wie können junge Übersetzer, die sich gerade erst am Anfang ihrer Karriere befinden, überhaupt darauf hoffen, diesen Koloss der tschechischen Nachkriegsliteratur in den Griff zu bekommen?

Die Wahldüsseldorferin Daniela Pusch erklärte, wie sie mitunter von sprachlichen und vor allem kulturellen Einsichten direkt aus dem Nachbarland profitiert habe. Ihre tschechische Mutter war es, die zum Beispiel die Figur des Pražský Pepík (dt.: Prager Pepík), welche in Perlička na dně erwähnt wird, als eine Art Bonvivant beschrieb – eine Erklärung, die sie dann auf den Prager Holdrio als treffende Übersetzung brachte. Für Frances Jackson war es hingegen ein außergewöhnliches Geburtstagsgeschenk, das ihr Verständnis für Hrabal und seine Wortkunst schärfte. Die 25-Jährige verriet, dass sie knapp zwei Monate vor dem Einsendeschluss eine Schreibmaschine bekommen hatte. Das Originalmodell aus den 70er Jahren habe es ihr ermöglicht, sich in die Position des Ich-Erzählers in Polomy v lese – einer stilisierten Version des Autors, der beim Tippen immer wieder von Nachbarn wie auch Bekannten gestört wird – richtig hineinzuversetzen.

Übersetzerin Kristina Kallert lüftet ein paar Jury-Geheimnisse | (c) Tobias Melzer

Neben der Diskussion erzählte Kristina Kallert auch von der Arbeit in der Jury. Stundenlang habe sie sich mit zwei anderen Kollegen über die deutschen Einsendungen unterhalten. Obwohl bei manchen Arbeiten relativ schnell klar war, dass es sich nicht um einen ernsthaften Kandidaten für den Preis handelte, haben sich die besten Übersetzungen alle an verschieden Stellen und auf unterschiedlichste Art ausgezeichnet. Erst nach reiflicher Überlegung fiel die Entscheidung, und als Kristina Kallert erfuhr, wer hinter der Übersetzung steckte, sei sie zunächst überrascht gewesen. Sie hätte nämlich auf einen männlichen Autor getippt – so frech war Daniela Puschs Übersetzung.

Der Höhepunkt des Abends kam für die Gesprächsteilnehmerinnen allerdings von einer unerwarteten Seite, denn im Publikum saß ein eminenter Überraschungsgast: der Übersetzer Franz Peter Künzel. Es war passend, dass dieser Mann, der – als einer der ersten überhaupt – Hrabal für eine nicht-tschechischsprachige Leserschaft zugänglich gemacht hatte, auch die aufkommende Übersetzer-Generation kennenlernen sollte, welche diese Arbeit fortsetzt und neues Leben in die Prosa Hrabals einhaucht.

Die Gesprächsteilnehmerinnen mit dem angesehenen Hrabal-Übersetzer Franz Peter Künzel

Die Gesprächsteilnehmerinnen mit dem angesehenen Hrabal-Übersetzer Franz Peter Künzel | (c) Josef Bušek

Autorin: Frances Jackson

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