Ein alltäglicher Krieg

Eröffnung der Ausstellung „Fotografen des Krieges 1914 – 1918“ im Tschechischen Zentrum München.

Der 100. Jahrestag rückt immer näher. Der Erste Weltkrieg ist in aller Mund. Seit einigen Monaten wimmelt es in München von Veranstaltungen, die das Attentat von Sarajevo sowie den darauf folgenden Kriegsausbruch erläutern und erörtern. Warum war keine diplomatische Deeskalation der Julikrise möglich? Was ist der heutige Erkenntnisgewinn bei pauschalen Schuldzuweisungen an bestimmte Nationen? Könnte sich eine internationale humane Katastrophe derartiger Proportionen im 21. Jahrhundert wiederholen?

Auch im Tschechischen Zentrum München wurde am 3. Juni 2014 in Zusammenarbeit mit dem Adalbert Stifter Verein eine neue Ausstellung zu diesem heiß diskutierten Thema eröffnet. Allerdings ist die Ausstellung „Fotografen des Krieges 1914 – 1918“ keine gewöhnliche Sammlung von Bildern aus dem Ersten Weltkrieg. Vergebens sucht man nach den Schützengräben der Somme. Tatsächliches Kampfgeschehen ist nirgendwo zu sehen.

Brongelówka in unserer Kueche -  čb

Gustav Brožs „Schlafen mit Mädchen“ aus Fotografen des Krieges 1914 – 1918, einer Ausstellung der Tschechischen Zentren, kuratiert von Jaroslav Kučera

Stattdessen wird das Leben abseits der Front abgebildet – von Feldmessen im Schnee über Besuche beim Regimentsfriseur bis hin zu Gehirnoperationen unter freiem Himmel. Die Kosten an Menschenleben werden nicht verschwiegen, aber das, was wirklich auffällt, ist die oft erstaunliche Normalität der Szenen. So ruht sich etwa ein Soldat auf seinem Bett aus, die Wände um ihn mit Frauenbildern beklebt, während ein junger Truppenkoch in einer kecken Pose stehend Proviant austeilt. Es handelt sich hier um Menschen, die – trotz der sinnlosen Brutalität jener Zeit – dennoch nicht ihre Menschlichkeit verloren haben.

Wie Ondřej Černý, Direktor des Tschechischen Zentrums München, in seiner Eröffnungsrede erklärte, sind die Bilder auch noch in anderer Hinsicht einzigartig. Überhaupt ist es selten, dass Bilder aus dem Ersten Weltkrieg ihren Urhebern zugeordnet werden können. Doch dank der sorgfältigen Arbeit des Ausstellungskurators und Historikers Jaroslav Kučera konnten die drei Amateurfotografen identifiziert werden, die neben dem aktiven Militärdienst auch ihr tagtägliches Umfeld dokumentiert hatten: Gustav Brož, Jan Myšicka und Jenda Rajman. Hinzu kommt, dass all diese Bilder in der Zwischenkriegszeit vollkommen von der öffentlichen Bildfläche verschwunden sind. Jahrzehnte lang wurden die Negative einfach irgendwo gelagert – verstaubt und vergessen, bis Kučera zufällig über sie stolperte und ihren Wert erkannte.

Vernissage_1914

Ondřej Černý (Direktor des Tschechischen Zentrums München) eröffnet die Ausstellung Fotografen des Krieges 1914 – 1918

Im Rahmen der Vernissage wurden ebenfalls drei kurze Filme aus dem Nationalen Filmarchiv in Prag gezeigt: Mobilizace (dt.: Mobilisierung), Monstreconcert (dt.: Monstrekonzert) sowie Návrat legionářů z Francie (dt.: Die Rückkehr der Legionäre aus Frankreich). Als Staatspropagandafilme hatten die zeitgenössischen Aufnahmen natürlich nicht die Intimität der ausgestellten Bilder, aber auch sie gaben interessante neue Einblicke in die „offizielle“ Kriegsdokumentation, insbesondere in die Inszenierung des ursprünglichen Unterfangens als Glanz und Gloria.

Die Ausstellung läuft bis zum 15. Juli 2014 und während der Öffnungszeiten des Tschechischen Zentrums (Prinzregentenstraße 7) können sich alle Interessierten diesen unerwarteten Schatz der Weltfotografie noch ansehen. Im Anschluss an die Ausstellungseröffnung führte Ondřej Černý ein Gespräch mit Radio Prag.  Das Interview können Sie hier nachlesen und -hören.

Autorin: Frances Jackson

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