Ganz nah dran: Erzherzog Franz Ferdinands Hoffotograf Rudolf Bruner-Dvořák

Die Ausstellung  „Kaiser Franz Josef und Franz Ferdinand. Fotografien von Rudolf Bruner-Dvořák aus der Sammlung Scheufler “ im Kulturforum im Sudetendeutschen Haus.

Hätte es den Boulevard-Journalismus damals gegeben, so wäre es der Traum eines jeden Paparazzi gewesen: Fotograf am kaiserlichen Hofe mit Einblicken in das Alltagsleben des Herrschers zu sein. Rudolf Bruner-Dvořák (1864-1921) gelang es, mit seinen Aufnahmen den vor 100 Jahren in Sarajevo erschossenen Thronfolger Franz Ferdinand so zu beeindrucken, dass er diese exklusive Stellung im Jahr 1891 erhielt. Einige Dutzend Aufnahmen, die Bruner-Dvořák vom Erzherzog Franz Ferdinand und von Kaiser Franz Josef machte und die aus der privaten Sammlung des tschechischen Fotohistorikers Pavel Scheufler stammen, sind derzeit im Kulturforum im Sudetendeutschen Haus in München zu sehen. Scheuflers Fotoarchiv umfasst mehr als 30 000 Negative und Positive, die überwiegend aus der Zeit der Habsburgermonarchie bis 1918 stammen.

Rudolf Bruner-Dvořáks Franz Ferdinand und Kaiser Franz Josef bei einem unbekannten Manöver (Quelle: Sammlung Scheufler)

Rudolf Bruner-Dvořáks Franz Ferdinand und Kaiser Franz Josef bei einem unbekannten Manöver (Quelle: Sammlung Scheufler)

Rudolf Bruner-Dvořák (1864-1921) stammte aus dem ostböhmischen Přelouč, seine fotografische Ausbildung absolvierte er im Jahr 1887 beim hochangesehenen Münchner Hoffotografen Carl Teufel. Seine Berufsgenossen gingen, vor allem auch aus finanziellen Gründen, meist der Porträt-Fotografie nach, Rudolfs Leidenschaft galt jedoch der Momentaufnahme bzw. Fotografien, die zur Veranschaulichung der Berichterstattung genutzt wurden. Angeblich lehnte er Anfragen nach Porträt-Bildern wiederholt mit der lakonischen Erwiderung Ich mache nur Kühe, Pferde und Fabriken, und all das sind Sie nicht…“ ab.

Das Schicksal vergönnte ihm bald darauf genau das Glück, von dem auch jeder Hobbyfotograf heimlich träumt: nämlich sich genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufzuhalten. Bruner-Dvořák hielt den dramatischen Absturz des Gasballons Kysibelka während der Prager Jubiläumsausstellung im Jahre 1891 fest. Für die zunehmend boomenden Bilderzeitschriften im österreichischen Kaiserreich war er somit zu einem wichtigen Ansprechpartner geworden.

Bilder von Treibjagden oder Manövern mit Franz Ferdinand und Franz Josef gehörten ebenso zu den Motiven Bruner-Dvořáks wie Aufnahmen aus dem privaten Bereich der kaiserlichen Familie. Die Besuche von Kaiser Franz Josef in den Jahren 1891, 1901 und 1907 in Böhmen sind dank seiner Aufnahmen hervorragend dokumentiert. Von seiner Sonderstellung und Bedeutung zeugt auch der Umstand, dass er Franz Ferdinands Tochter Sophie schon 14 Tage nach ihrer Geburt ablichten konnte.

Franz Ferdinand d`Este und der Fotograf Rudolf Bruner-Dvořák beim Manöver in der Nähe von Strakonitz. Foto von Jaroslav Bruner-Dvořák. September 1905 (Quelle: Sammlung Scheufler)

Franz Ferdinand d’Este und der Fotograf Rudolf Bruner-Dvořák beim Manöver in der Nähe von Strakonitz. Foto von Jaroslavon Bruner-Dvořák. September 1905 (Quelle: Sammlung Scheufler)

Bruner-Dvořák erhielt durch seine zahlreichen Kontakte auch die Möglichkeit, nicht nur kaiserliche, sondern auch Schlösser anderer Adelsgeschlechter, wie etwa die Schwarzenberg-Residenz Frauenberg (tsch.: Hluboká) bei Budweis (tsch.: České Budějovice) zu dokumentieren. Das Alltagsleben auf den böhmischen Dörfern, die Arbeitswelt der böhmischen Textil- und Großindustrie, sportliche Aktivitäten wie Fahrradrennen oder etwa auch die Anfänge des Tennisspiels in der hohen Gesellschaft spiegeln sich in seinen Aufnahmen wider. Die 1904 neu gegründete, äußerst beliebte Bildzeitschrift Český svět (dt.: Tschechische Welt) druckte sechs Jahre lang in fast jeder Ausgabe Fotografien von Bruner-Dvořak.

Zur Zeit der Ereignisse von Sarajevo 1914 hatte sich Rudolf Bruner-Dvořák auf Grund seiner angeschlagenen Gesundheit bereits stark aus seinem Fotografie-Unternehmen zurückgezogen. Sein Bruder Jaroslav, der später auch Rudolfs Nachfolge übernahm, erlebte das tödliche Attentat und auch die nachfolgenden Unruhen auf den Straßen der bosnischen Metropole vor Ort mit und dokumentierte die Ereignisse; sie sind eine wichtige zeithistorische Bildquelle.

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Ausstellungskurator Pavel Scheufler spricht während der Vernissage über die Bilder Rudolf Bruner-Dvořáks

Wie so vieles andere beengt ein starker nationaler Geist auch die Fotografie, meint Scheufler, der zur Eröffnung am 13. Juni 2014 in die Ausstellung einführte. Gerade auch im Falle Bruner-Dvořák spricht er nicht gerne von „tschechischer“ oder „deutscher“ Fotografie, sondern bevorzugt den Begriff „Fotografie in den böhmischen Ländern“. Ende 2013 erschien seine Publikation mit dem Titel Osobnosti fotografie v českých zemích do roku 1918 (dt.:Persönlichkeiten der Fotografie in den böhmischen Ländern bis zum Jahr 1918) im Verlag der Akademie der musischen Künste in Prag. Knapp 150 Fotografen und ihre Aufnahmen werden darin näher vorgestellt.

Die Ausstellung selbst ist an Werktagen von 9 bis 19 Uhr noch bis 25. Juli 2014 im Kulturforum im Sudetendeutschen Haus (Hochstr. 8, München) zu sehen. Veranstalter sind der Kulturreferent für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein sowie das Tschechische Zentrum München.

Autor: Dr. Wolfgang Schwarz, Kulturreferent für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein

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