Ein deutsch-tschechisches Märchen

Ein Interview mit der Drehbuchautorin Lucie Lechner, deren deutschsprachige Adaption von Božena Němcovás Märchen  „O Smoličkovi“  (dt.: „Vom Smoliček“) gerade verfilmt wird.

Es hätte eigentlich gar keinen Film geben sollen. Lucie Lechner wollte ursprünglich nur ein Märchen in der Heimatsprache ihrer Eltern vorlesen. Sie fragte ihre Mutter nach einem guten Textvorschlag und suchte sich dann einfach die kürzeste Erzählung aus Božena Němcovás Pohádky (dt.: Märchen) aus.

Doch als sie anfing, für diesen geplanten Audiobeitrag zu üben, war ihr Kopf plötzlich voll von Bildern aus dem Märchen, das sie so bedenkenlos gewählt hatte. O Smoličkovi (dt.: Vom Smoliček) – die Geschichte eines kleinen Jungen, der zusammen mit einem Hirsch im Wald wohnt und eines Tages seine Neugier über die Außenwelt nicht mehr im Zaum halten kann – ließ sie seitdem nicht mehr los. Wie Lechner es erklärt, war die Entstehung ihres Drehbuches ein ziemlich organischer Prozess: „Ich habe mir jeden Abend die Zeit genommen, mich ins Schlafzimmer verkrümelt und meinen Text gelesen. Es war dann plötzlich, dass der Smoliček im Schlafzimmer rumgerannt ist, und ich gedacht habe, das geht nicht, das ist jetzt keine Audio mehr, da ist ja ein Film. Er [Smoliček] hat mich einfach an der Hand genommen und abgeholt.“

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Der kleine Smoliček (Jakob Jilka) allein daheim | (c) Christian Müller www.christianmueller.org

Nichtsdestoweniger sind manche Elemente auf eine ganze andere Art und Weise zum Film hinzugekommen. So war es zum Beispiel mit den deutschen Märchenfiguren, die etwas überraschend am Fenster vorbei laufen, während Smoliček zu Hause sitzt.  Ihr Erscheinen hat einen ganz pragmatischen Grund: Die Regisseurin Barbara Lackermeier hatte Komparsenrollen verkauft, um die Finanzierung des Filmes voranzutreiben.  Obwohl Lechner zunächst nicht wusste, wie sie diese Rollen einfügen sollte, erkannte sie schnell das geniale Potential der Eindringlinge. Rotkäppchen und der König können nämlich durch den Märchenwald zur Arbeit spazieren. Sie sind frei und bewegen sich, wie sie wollen. Smoliček – eine tschechische Figur – bleibt hingegen im Grunde gefangen; die Parallele zu den unterschiedlichen Schicksalen Westdeutschlands und der Tschechoslowakei ist augenscheinlich.

Dass Lechner diesen unerwarteten historisch-politischen Subtext in ihrem Drehbuch spüren kann, hängt sicherlich damit zusammen, dass die 47-Jährige gebürtige Tschechin ist, aber als Kleinkind Böhmen verließ und nun Wurzeln in Bayern geschlagen hat.  Von in der Tschechoslowakei verbliebenen Verwandten kennt sie die gefühlte Gefangenschaft. Und als sie Prag zum ersten Mal besucht hat, bekam sie selbst Angst, dass man sie nicht mehr herauslassen würde. Lechner wurde zweisprachig erzogen und wie für viele, die in einer Einwanderfamilie aufwachsen, war die Konkurrenz zwischen beiden Sprachen und Kulturen nicht immer einfach; sie spricht sogar von der „Schizophrenie“ ihrer Kindheit. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Vom Smoliček ihr so viel bedeutet, weil das Filmprojekt gerade danach verlangt, tschechische und deutsche Elemente miteinander zu verknüpfen.

Lechner ist natürlich nicht die einzige im Team, die viel Herzblut in das Projekt steckt. Voller Bewunderung beschreibt sie etwa wie die Szenenbildnerin bei Vom Smoliček sogar Urkarotten besorgt hat, damit der Film einen möglichst authentischen Eindruck macht. Es wird klar, dass es sich hier um eine wahre Gemeinschaftsarbeit handelt – insbesondere im Falle der kreativen Zusammenarbeit zwischen Lechner und Lackermeier. Die Freundinnen kennen sich aus der Schule und können beide auf mehrjährige Berufserfahrungen in unterschiedlichen Spaten der Schauspielkunst zurückblicken. Vor ein paar Jahren haben sie beschlossen, eine eigene Produktionsfirma – Die Produzentinnen – zu gründen, damit sie sich nicht mehr verbiegen müssen, was sonst oft in der Szene notwendig ist. Ihre Firma, welche sich für die Förderung von Frauen in der Filmindustrie einsetzt, bringt den beiden auch auf persönlicher Ebene gewisse Vorteile; „Es ist immer gut, wenn der eine nicht kann, dass der andere ihn tritt.“, sagt Lechner einfach.

Lucie Lechner

Für die Drehbuchautorin Lucie Lechner ist Vom Smoliček eine echte Herzensangelegenheit

Um eine derart spezifisch tschechische Figur wie Božena Němcová einem deutschen Publikum schmackhaft zu machen, greift Lechner oft auf einen Vergleich mit den Brüdern Grimm zurück. Gerne weist sie auch darauf hin, dass dieses Aushängeschild für die Nationale Wiedergeburt der Tschechen unter anderem hinter dem beliebten Weihnachtmärchen Drei Haselnüsse für Aschenbrödel steckt, einem Fernsehklassiker auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze. Wichtig ist es aber für die Drehbuchautorin, dass Němcová – obwohl sie im 19. Jahrhundert schrieb und lebte – als eine durchaus moderne Frau verstanden werden kann, die sich nicht von den einschränkenden Konventionen ihres Zeitalters aufhalten ließ.

Jenseits des Märchenwaldes ist Vom Smoliček ebenfalls eine Erfolgsgeschichte für das sogenannte Crowdfunding, eine neue Art von Geldbeschaffung, wobei Individuen wie Firmen aufgefordert werden, die Finanzierung von Projekten durch Spenden zu unterstützen. Die Produzentinnen hatten sich im Sommer 2012 ein Ziel von 7.000 € gesetzt.  Knapp vier Monate später waren sie schon bei fast 10.000 €. Lechner ist natürlich begeistert von dem Ergebnis und wirklich gerührt, dass so viele andere Menschen an Vom Smoliček glauben. Allerdings ist dieser frühe Triumph für sie kein Grund, sich auszuruhen. Vor allem die Postproduktion wird teuer werden, zumal ein geeigneter Animator noch nicht mit ins Boot geholt werden konnte. Eine Zusammenarbeit mit der FAMU (dt.: Film- und Fernsehfakultät der Akademie der musischen Künste) in Prag wird gerade angestrebt – etwas, worüber sich Lechner sehr freuen würde, weil der Film dann eine deutsch-tschechischen Koproduktion wäre – aber aktuell steht leider noch nichts fest.

Trotz solcher noch offenen Fragen zur Realisierung ihres Filmprojekts haben sich Lechner und Lackermeier schon Gedanken zur Premiere gemacht. Gerne würden sie den Film zu Fuß von München über das Grenzgebiet nach Prag tragen – so etwas wie ein Pilgerweg, wenn man so will. Dabei möchten sie die Gelegenheit nutzen, allerlei Menschen, denen sie unterwegs begegnen, nach deren Bezug zu sowie Erinnerungen an Märchen zu fragen. Gegen diese Art von Sammlung  persönlicher Geschichten direkt aus dem Volksmund hätte bestimmt auch Němcová nichts einzuwenden.

Mehr Informationen zum Film unter http://vomsmolicek.tumblr.com/

Autorin: Frances Jackson

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