Übersetzungsfest in Tübingen

Das Projekt Transstar Europa geht langsam in das große Finale. Es sind schon mehr als drei Jahre her, seitdem das Literatur- und Übersetzungsprojekt mit dem Schwerpunkt Ost- und Mitteleuropa an der Universität Tübingen ins Leben gerufen wurde. Drei Jahre lang vertieften fünfzig junge ausgewählte literarische Übersetzer in zehn Werkstätten (Deutsch-Tschechisch, Deutsch-Polnisch, Deutsch-Slowenisch, Deutsch-Kroatisch, Deutsch-Ukrainisch und jeweils die andere Richtung) unter der Leitung von erfahrenen Übersetzern ihre Fertigkeiten nicht nur im übersetzerischen Prozess selber, sondern auch im Kulturmanagement im weitesten Sinne. Über Jahre ist ein Netzwerk entstanden, in dem kleinere Sprachen und Kulturen viel Raum bekommen haben und sich auch vor der literarisch interessierten Öffentlichkeit präsentieren konnten. Vom 6. bis 10. Mai fanden in Tübingen die letzten Übersetzer-Werkstätten statt, darunter auch die deutsch-tschechische, bevor das Projekt feierlich in Prag Anfang Juni mit allen Teilnehmern abgeschlossen wurde. Es folgen noch einige kleinere Herbstveranstaltungen.

„Übersetzung lese ich eher als Interpretation, denn als Wiedergabe, ihr habt das Recht, eure Interpretation zu bestimmen, ich auch“, unterstrich die Autorin Sudabeh Mohafez die Wichtigkeit, den Text als solchen von seiner Interpretation zu trennen. In ihrem Workshop konnten sich die Teilnehmer aus der deutsch-tschechischen, deutsch-polnischen, deutsch-kroatischen und kroatisch-deutschen Gruppe, die in Tübingen zusammenkamen, direkt mit der Autorin austauschen und mithilfe verschiedener Übungen ihren Zugang zur Übersetzung diskutieren. „Ihr könnt es nicht falsch verstehen, es ist eure eigenständige, valide Interpretation, nicht weniger wahrhaftig als meine“, versicherte die Autorin mit iranischen Wurzeln den jungen Übersetzern. Das besprochene „zehn zeilen buch“ hatte Mohafez bereits am Vorabend in Diskussion mit Lubomír Martínek und Juri Andruchowytsch dem Tübinger Publikum vorgestellt. Gemeinsam mit dem tschechischen und ukrainischen Autor, moderiert von der Tübinger Slavistin Claudia Dathe, diskutierten sie darüber, wie sie Fremdheit erleben, und lasen aus ihren Texten vor.

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Sudabeh Mohafez und Claudia Dathe

Die öffentlichen Veranstaltungen des sogenannten Übersetzungswürfels mit Werkstätten und Workshops fanden im Wechsel für die jeweiligen Teilnehmergruppen statt. Die deutsch-tschechische Gruppe arbeitete unter Leitung des bekannten Übersetzers Radovan Charvát vor allem an ihren Übersetzungen, die dann Anfang Juni dem Prager Publikum an einem literarischen Abend vorgestellt wurden. In einem szenischen deutsch-tschechischen „Transslam“ am 6. Juni traten dann im Studentischen Klub in der Prager Celetná Straße Übersetzer ins Tschechische sowie aus dem Tschechischen auf, um ihre Ergebnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen. Dabei war auch die Gewinnerin des Hrabal-Übersetzungswettbewerbs Daniela Pusch, die vor einem Jahr schon einmal im Tschechischen Zentrum München zu Gast war.

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