„Ohne Herz und Seele geht das nicht“

Valentin Stüberl

Das Valentin Stüberl | © Tobias Melzer

Ein Gespräch mit Filip Černý, dem Besitzer vom kultigen Valentin Stüberl, der einzigen waschecht böhmisch-bayerischen Kneipe Münchens.

Das Valentin Stüberl im entspannten Dreimühlenviertel ist für München keine typische Bar. Die Atmosphäre ist eher die eines schrullig möblierten WG-Wohnzimmers als eines gestylten Etablissements. Sitzplätze gibt es nur wenige, und die, die es gibt, kann man nicht reservieren. Geschlossene Veranstaltungen werden nicht zugelassen. Wer hier feiern möchte, sollte einfach möglichst früh da sein, um sich einen Platz zu sichern.

Im Lokal haben Stammgäste offensichtlich Vorrang. Und diese sind erstaunlich bunt gemischt für eine Szenekneipe – von jungen Musikern und Studenten bis hin zu Bankern und einer 85-jährigen Dame, die fast jeden Abend dabei ist: „Leute, die sonst niemals aufeinander treffen würden“, so Betreiber Filip Černý.

Auch er ist nicht so, wie man sich einen erfolgreichen Gastwirt vorstellt. Als wir uns im Biergarten des Bavarese, seinem gegenüberliegenden Restaurant, treffen, wirkt Černý locker und bodenständig. Heute früh hat der gebürtige Prager sein Lokal selbst gereinigt, weil die Putzfrau krank geworden ist. „Ein Mädchen für alles, das ist der Gastronom. Da muss man mal Hausmeister sein, mal Putzfrau; manchmal bin ich der Schankkellner, manchmal bin ich der Kellner, manchmal der Spüler“, erklärt er mit einem Lächeln.

Filip Cerny

Filip Černý | © Tobias Melzer

Gastronomie liegt Černý sozusagen im Blut. Sein Vater, der in den 1980er Jahren auf Dauer nach Kanada emigriert ist, hat ebenfalls in dem Bereich gearbeitet. Ende 1987 ist der damals 13-jährige Sohn zusammen mit seiner Mutter nach Bad Reichenhall gekommen.  Er konnte kein Wort Deustch, habe aber erst einmal Bayerisch lernen müssen, denn „da spricht ja keiner Deutsch!“ Ein Besuch der Hotelfachhochschule im Berchtesgardener Land folgte, weil Černý schnell ins Berufsleben einsteigen wollte. Und die Gastronomie bot ihm vor allem noch die Möglichkeit zu reisen.

München hätte in der Tat nur ein kurzer Zwischenstopp auf dem Weg in die USA sein sollen. Doch wie er heute sagt: „Aus einem halben Jahr sind jetzt zwanzig Jahre geworden“.  Die Gegend betrachte Černý mittlerweile als seine zweite Heimat und sein Herz schlägt sowohl für Böhmen als auch für Bayern: „Manchmal ärgere ich mich, dass ich zu deutsch handele, und manchmal handele ich ein bisschen sehr tschechisch, aber die Kombination finde ich eigentlich nicht schlecht.“

Diese beiden Elemente – das Bayerische und das Böhmische – haben den perfekten Niederschlag im Valentin Stüberl gefunden, welches Černý vor über einem Jahrzehnt zusammen mit seinem langjährigen Geschäftspartner und Kumpel Jan Oltznauer gegründet hat. So gibt es etwa im Lokal nicht nur ein Passauer Helles, sondern auch Becherovka und Pilsner Urquell vom Fass zum Trinken – serviert, wie es sich gehört, immer in einem traditionellen Bierkrug.

Černý weiß sehr wohl, dass die Kneipe etwas Außergewöhnliches in München darstellt und vielleicht eher ins Stadtbild von Berlin oder Prag passen würde.  Doch gleichzeitig wäre es für ihn nicht einfach, einen solchen Laden woanders aufzumachen: „Ohne Herz und Seele geht das nicht. Klar kann ich es mir vorstellen, aber ich muss erstmal zwei Jahre da sein, um Kontakte zu knüpfen, um mir einen genauen Plan zu machen, um mehr Bezug dazu zu haben.“

Vor dem Valentin Stüberl | © Tobias Melzer

Vor dem Valentin Stüberl | © Tobias Melzer

Im Gespräch mit Černý stellt man schnell fest, wie viel Wert er auf Interaktion mit anderen Menschen legt. Er spricht von „mehr Bewegung, mehr Begegnung“ und freut sich, dass seine Kunden so aufgeschlossen sind. Schön finde er es zum Beispiel, „wenn der junge Punk mit der alten Oma ins Gespräch kommt, die vielleicht noch ein Bier mit einander trinken und sie ihm erzählt, wie es früher war im Viertel, und er ihr das Herz ausschüttet wegen seinem Liebeskummer oder so.“

Insbesondere scheint Černý sich für eine lockere Form der deutsch-tschechischen Verständigung einzusetzen. „Ich versuche immer wieder meinen Freunden aus München Prag zu zeigen und zu zeigen, dass es nicht der Osten ist, wie man den hier im Kopf trägt. Genauso schön ist es, die Vorurteile der Prager Freunde in puncto Deutschland einfach abzubauen – also in beide Richtungen. Das macht mir irgendwo Freude und da sehe ich mich als einen kleinen Steg [der dabei hilft]“, erklärt der Gastronom. „Brücke würde ich es nicht nennen“, fügt er bescheiden hinzu.

In diesem Sinne überrascht es nicht zu hören, dass das Valentin Stüberl sich auch heuer an der Tschechischen Filmwoche, Münchens alljährigen Fest der Kinematografie aus dem Nachbarland, mit einer After-Party beteiligen wird. Černý verspricht, an dem Abend diverse tschechische und slowakische Skurrilitäten aus seinem Plattenkoffer aufzulegen. „Da bin ich immer gespannt wie die Leute reagieren. Möglicherweise werde ich den einen oder den anderen verschrecken; man kann es nicht allen recht machen und das will ich auch nicht, nur hoffe ich das die meisten doch Spaß haben werden“, sagt er einfach.

Wie ein frischer Wind durch das Münchner Nachtleben – es lebe das Valentin Stüberl!

Valentin Stüberl, Dreimühlenstr. 28, München. www.valentinstueberl.com
Mehr Informationen zur After-Party der 15. Tschechischen Filmwoche finden Sie hier.

Autorin: Frances Jackson

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