Josef Čapek – Gedichte zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit

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Ondřej Černý (Direktor des Tschechischen Zentrums München) und Daron Yates (Schauspieler)

Schwere Tage, schwere Zeit,

keinem ist die Wahl gegeben.

Letzte Tage, Dunkelheit,

bringt ihr Tod oder das Leben?

Schwer hallten Josef Čapeks Worte im Saal des Tschechischen Zentrums wider – Worte, in denen Hoffnungslosigkeit und Angst, aber auch Kraft und Hoffnung anklangen. Der Schauspieler Daron Yates, der Čapeks Gedichte rezitierte, und der Pianist Jan Čech nahmen das Publikum mit auf eine Reise in die dunklen Gedanken eines Menschen, der sich, interniert in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, Schmerz, Trauer, Wut und die Fragen nach dem Warum von der Seele schrieb, um daraus Kraft zu schöpfen.

Dieser 20. Oktober 2015 im Tschechischen Zentrum München war den Gedichten von Josef Čapek gewidmet, der dem deutschen Publikum eher als avantgardistischer Maler und Bruder von Karel Čapek bekannt ist. Nun erscheinen seine im KZ verfassten Gedichte erstmals in deutscher Übersetzung. Der Bohemist Jan Jiroušek (Ludwigs-Maximilian-Universität München) führte in einem kurzen Vortrag in das Thema des Abends ein. Danach trug der Schauspieler Daron Yates zwölf Gedichte vor. Musikalisch umrahmt wurde die Lesung durch den Pianisten Jan Čech, der fünf Lieder von Leoš Janáček am Klavier interpretierte. Nach diesen emotionsvollen Programmpunkten folgte eine Publikumsdiskussion mit Kristina Váňová (Karel Čapek Gedenkstätte) und mit Josef Čapeks Enkelin Kateřina Dostálová, die ihren Großvater nie kennengelernt hatte und ihn nur vom Erzählen kennt.

Josef Čapek (23. März 1887–April 1945) wird über die tschechischen Landesgrenzen hinaus vor allem als Avantgardekünstler wahrgenommen. Weniger bekannt ist im deutschen Sprachraum, dass er auch ein produktiver Schriftsteller war. Dabei umfassen seine Schriften lyrische und philosophische Prosa, einen Roman, ein Drama, kunsthistorische Studien, publizistische Texte, Kinderbücher und Gedichte aus dem KZ, die nun unter der Leitung von Prof. Dr. Urs Heftrich (Slavisches Institut, Universität Heidelberg) und Prof. Dr. Jiří Opelík (Institut für Literaturstudium, Prag) in Zusammenarbeit mit Kristina Váňová (Karel Čapek Gedenkstätte) erstmals in deutscher Sprache erscheinen.
Am 1.9.1939 wurde Josef Čapek von der Gestapo verhaftet. Sein fünfeinhalbjähriger Leidensweg führte über das Gefängnis Prag-Pankrác, die KZs Dachau und Buchenwald, das Gestapo-Gefängnis am Berliner Alexanderplatz und das KZ Sachsenhausen bis nach Bergen-Belsen, wo er 1945, wenige Tage vor der Befreiung, vermutlich einer Typhusepidemie erlag. Erst in Sachsenhausen begann der Urheber des Wortes „Roboter“ mit einer von ihm bis dahin nie erprobten literarischen Form – mit der Lyrik. In den Gedichten beschäftigte er sich vor allem mit dem Lageralltag wie Hofgänge, Zellen, Hinrichtungen, Särge, Leichen auf Karren, die sich mit Trost-, Hoffnungs- und Sehnsuchtsversen verbinden. Ein weiteres wichtiges Motiv von Čapeks Gedichten war sein Bruder Karel. Im Konzentrationslager schrieb Čapek die Gedichte nach Möglichkeit auf Papiere verschiedener Art nieder. Die Handschriften wurden dann im KZ wagemutig auf einer Schreibmaschine abgetippt, und noch während des Krieges gelangten diese Kopien dank der Häftlinge, die aus dem KZ entlassen wurden, in die Hände von Čapeks Frau und des Dichters Vladimír Holan. Über seine literarische Tätigkeit berichtete Peča, wie Čapek liebevoll zu Hause genannt wurde, chiffriert in den Briefen an seine Ehefrau. Die Originalschriften wurden von einem Gefährten Čapeks aufbewahrt, der den Todesmarsch aus Sachsenhausen überlebte.

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Kateřina Dostálová (Enkelin von Josef Čapek) und Jan Jiroušek (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Aus den 121 Gedichten des tschechischen Originals haben die beiden Herausgeber Prof. Dr. Urs Heftrich und Prof. Dr. Jiří Opelík 44 Texte ausgewählt, die sie ins Deutsche übersetzt haben. Zwölf davon wurden noch vor der Erscheinung des Buches im Tschechischen Zentrum München vorgetragen. Die Besucher konnten die Gedichte Dem Bruder Karel, An den Schlaf, Hofgang, Wolken, Die Toten von der Karre, Du, Lied, Ein Elender, Fünf Jahre, Die Herbstzeit gezählt, Im goldenen Schimmel und Vor der großen Reise auf Deutsch hören. Zugleich wurden die Originalhandschriften auf Tschechisch an die Wand projiziert. Den ganzen Abend herrsche eine düstere Stimmung, aufgeladen mit Gefühlen voller Traurigkeit, aber auch Hoffnung, die nicht nur die Besucher, sondern auch den Vortragenden, den Schauspieler Daron Yates, berührten. „Čapeks Gedichte aus dem KZ zu lesen, das war für mich ein starkes Erlebnis. In einem Moment ist das Gedicht voller Hoffnung, im anderen Augenblick dann wieder voller Trauer, Angst und Schmerz… “, sagte dazu Yates.

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Daron Yates (Schauspieler)

Die bedrückende Stimmung im Saal und das Gänsehautgefühl wurden durch die Lieder von Leoš Janáček noch verstärkt. Der Komponist Janáček hatte mit Čapek nicht nur ein gemeinsames Vaterland, sondern teilte auch ein ähnliches Schicksal. Genauso wie Čapek seinen Bruder verloren hatte, so hatte auch Janáček unter dem Tod einer ihm nahestehenden Person, seiner Tochter, gelitten. Seinen Schmerz und sein Schuldgefühl legte er in seine Kompositionen, die den Saal des Tschechischen Zentrums an diesem Abend ausfüllten.

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Jan Čech (Pianist)

 

Josef Čapek: Gedichte aus dem KZ
Arco Verlag        www.arco-verlag.com
ISBN 978-3-938375-59-4

Autorin: Marcela Siglová

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