Ein Film über das, was wir nicht vergessen sollten

Der tschechische Regisseur Zdeněk Flídr interessiert sich schon länger für die Geschichte und Kultur sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Menschen dies- und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze. Er hat bereits mehrere Dokumentarfilme gedreht, z. B. über die Lausitzer Sorben in Ostdeutschland oder über Karel Klostermann, den Dichter des Böhmerwalds. Mit seiner neuesten Dokumentarfilmtrilogie kehrt er thematisch zum Böhmerwald zurück, woher er selbst stammt. Die eindrucksvolle Filmreihe über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Böhmerwald und Bayerischen Wald ist ein einzigartiges Zeugnis vom Leben der jüdischen Gemeinde in dieser Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich verschwand.

Zu sehen war die Trilogie im Rahmen des monatlichen tschechischen Filmabends im Münchner Arena Filmtheater am 4. Februar 2015. Nach der Filmvorführung verließ das Publikum schweigend und in Gedanken vertieft das Kino. Doch das entsprach durchaus den Absichten des Regisseurs. „Der Film zeigt auch das, was nur schwer anzusehen ist, aber was dennoch nicht vergessen werden darf“, so Flídr.

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Auf unvergleichliche Weise dokumentiert der Film Erinnerungen von Zeitzeugen und Erzählungen von Historikern und rekonstruiert damit für den Zuschauer die fast vergessene Geschichte des Zusammenlebens von Juden, Tschechen und Deutschen im Böhmerwald und Bayerischen Wald. Beginnend im 10. Jahrhundert erstreckt sich die erzählerische Linie des Filmes bis in die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht die Geschichte der jüdischen Familie Getreuer, die vor dem Zweiten Weltkrieg in dem kleinen Dorf Mostek/Schwanenbrükl im Böhmerwald lebte. Das Drehbuch wurde von den Erinnerungen Luisa Getreuers und den Tagebüchern ihres Bruders Walter Getreuer inspiriert, die beide nach Amerika geflohen waren und dort den Krieg überlebt hatten. Dass ihre Eltern und Verwandte in den Konzentrationslagern ums Leben gekommen sind, erfuhren die Geschwister erst 1947.

Ich möchte, dass in den Leben der Menschen, von denen der Film erzählt, jeder Zuschauer begreift, was es bedeutet, das Geburtshaus zu verlassen, die Kleinigkeiten, die ihm lieb waren, die Freunde, das ganze Vermögen zu verlieren, die Demütigung zu erleben und schließlich sogar ums Leben zu kommen“, so der Regisseur Flídr für das tschechische Nachrichtenportal Deník.cz.

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Deutsch-tschechisch-slowakische Begegnung – „Grenzen? Überwinden!“

Die Junge Aktion der Ackermann-Gemeinde, ein deutsch-tschechisch-slowakischer Jugendverband, lud Ende Dezember wieder zu ihrer großen Silvesterbegegnung ein. Diesmal waren auch Mitglieder des Hauptverbandes, der Ackermann-Gemeinde, dabei. Die Ackermann-Gemeinde wurde ursprünglich 1946 von katholischen Heimatvertriebenen aus Böhmen und Mähren gegründet und setzt sich auf der Basis christlicher Werte für Versöhnung in Mitteleuropa ein. Natascha Hergert, derzeit als europäische Freiwillige bei der Organisation Antikomplex in Prag tätig, war bei der Silvesterbegegnung dabei und berichtet davon, wie das Miteinander der Generationen geklappt hat.

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„Grenzen? Überwinden!“ – und dabei gemeinsam feiern, das war beim traditionellen deutsch-tschechisch-slowakischen Silvester der Jungen Aktion problemlos möglich. Zum Jahresende trafen sich die Teilnehmer der Begegnung am 28. Dezember 2014 in Weil der Stadt bei Stuttgart, wo sie von viel Schnee, Temperaturen unter null Grad, alten Freunden und neuen Bekannten begrüßt wurden.

Landesgrenzen hatten viele schon bei ihrer Ankunft hinter sich gelassen und kulturelle Grenzen gibt es für junge Menschen aus Mitteleuropa ohnehin keine. Auch die im mitteleuropäischen Alltag oftmals noch bestehende Sprachbarriere rückte in diesen Tagen in den Hintergrund: So wurde das gesamte Programm gedolmetscht; dies wurde dabei nicht von professionellen Dolmetschern, sondern von den Teilnehmern selbst übernommen. Lukáš Duliček, Monika Traubová, Daniel Kolář, Christoph Mauerer und Matthias Melcher absolvier(t)en einen Europäischen Freiwilligendienst in Deutschland, Tschechien oder der Slowakei – mit den dabei erworbenen Sprachkenntnissen trugen sie zum Gelingen der Silvesterbegegnung bei und motivierten auch die anderen Jugendlichen zum Erlernen der Nachbarsprache. So gab es jeden Tag einen sprachlichen Programmpunkt – die „I like to mluvit“-Einheiten. Dabei handelte es sich um Sprachanimationen, bei denen Christoph Mauerer den Jugendlichen auf spielerische Art und Weise die deutsche, tschechische und slowakische Sprache näherbrachte. Gemäß dem Wortspiel mit dem Soundtrack des Filmes Madagascar und „mluvit“, dem tschechischen Wort für „sprechen“, konnten die Teilnehmer für die Sprachen der mitteleuropäischen Nachbarländer begeistert werden.

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Die kleinen Pilsner Geschichten außerhalb der Geschichtsbücher

Am 2. Februar präsentierte sich Pilsen im Ostlesesaal der Bayerischen Staatsbibliothek dem Münchner Publikum als Europas Kulturhauptstadt 2015. Obwohl die Süddeutsche nur einige Tage vor der Veranstaltung den Kulturhauptstadt-Titel in einem Artikel als „Milliarden-Schwindel“ bezeichnet hatte, worauf die Redner auch mehrmals Bezug nahmen, mussten die Organisatoren wegen des großen Interesses und Überfüllung den Anmeldeschluss sogar vorziehen. Die einzelnen Akteure konnten so in dem mehrstündigen Themenabend vor einem vollen Saal die vielen Facetten und große sowie kleine Geschichten ihrer Stadt vorstellen.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

„Zur Geschichte gehören eben auch die kleinen Geschichten; die Geschichten der Menschen rund um uns, nicht nur diejenigen, die in die Geschichtsbücher aufgenommen worden sind,“ führte Antonín Kolář, ein Geschichts- und Literaturlehrer des Pilsner Masaryk-Gymnasiums, das Publikum in seine Arbeit mit Schülern ein. „Wir sollten nach den vergessenen Namen und Schicksalen fragen, nach ihnen suchen.“ Das Tagebuch von Věra Kohnová, die „Anne Frank“ Pilsens, sei eine der „kleinen“ Geschichten, die ein Teil des gerade im Unterricht entstehenden Internetblogs der Schüler werden soll.

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Grenze ist da, wo man sie sieht

Am 04.12. wurde in Prag die offizielle Vertretung des Freistaats Bayern eröffnet. Lässt sich dies als eindeutiges Zeichen für eine besonders gute Lage der bayrisch-tschechischen Beziehungen deuten? Wie sieht es denn eigentlich mit der Zusammenarbeit direkt an der bayerisch-tschechischen Grenze aus? Am 26.11. besuchte der Prager Politikwissenschaftler Lukáš Novotný München, um bei der Veranstaltung „Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Bayern und Tschechien auf dem Prüfstand“ von der politischen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Dimension des Zusammenlebens im Grenzgebiet zu berichten.

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Zerschlagene Hoffnungen

Im Rahmen der Ausstellung „Das schicksalhafte Jahr 1968“ werden eindrucksvolle Fotografien der Niederschlagung des Prager Frühlings im Tschechischen Zentrum München präsentiert.

Das Jahr 1968 gilt in vielen Ländern als epochenprägend – eine Zeit von Umbruch, Gewalt und Widerstand. Von den Demonstrationen und Streiks in Frankreich über den Krieg in Vietnam bis hin zum tödlichen Attentat auf Martin Luther King wurde in fast jeder Ecke der Welt Geschichte geschrieben. Doch kaum irgendwo waren die Höhen und Tiefen des Jahres so groß wie in der Tschechoslowakei.

Mit dem Amtsantritt Alexander Dubčeks am 5. Januar 1968 begann ein tiefgreifender Reformprozess – ein Versuch, die Politik auf vielen Ebenen zu liberalisieren. Die Rede war vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ und auf einmal eröffneten sich neue kulturelle sowie gesellschaftliche Freiräume. Allerdings weckte dieses politische Tauwetter den Unmut der Sowjetunion; trotz einer Reihe Verhandlungen dauerte es nicht lange, bis die Machtinhaber in Moskau dem Geschehen in der Tschechoslowakei gewaltsam Einhalt geboten.

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Bilder aus der Ausstellung Das schicksalhafte Jahr 1968

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Turnen auf Tschechisch

Über die Vernissage der neuen Ausstellung „Von Jahn zu Tyrš“ im Tschechischen Zentrum München, welche der länderübergreifenden Geschichte der tschechischen Turnbewegung Sokol gewidmet ist.

Obwohl das Tschechische Zentrum München mit seinen kulturellen Veranstaltungen ein möglichst breites Publikum ansprechen möchte, taucht hin und wieder etwas im Programm auf, das wirklich unverkennbar tschechisch ist.

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Historische Materialien aus der Ausstellung | (c) Tobias Melzer

So war es zum Beispiel am 17. Juli 2014 bei der Eröffnung der Ausstellung „Von Jahn zu Tyrš“. Gäste ohne Tschechisch-Kenntnisse waren an diesem Abend deutlich in der Minderheit, aber dafür waren die ausgestellten Materialien umso einzigartiger. Auch die Authentizität der selbstgemachten chlebíčky (dt.: belegte Schnittchen) beim Buffet war augenscheinlich.

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Ganz nah dran: Erzherzog Franz Ferdinands Hoffotograf Rudolf Bruner-Dvořák

Die Ausstellung  „Kaiser Franz Josef und Franz Ferdinand. Fotografien von Rudolf Bruner-Dvořák aus der Sammlung Scheufler “ im Kulturforum im Sudetendeutschen Haus.

Hätte es den Boulevard-Journalismus damals gegeben, so wäre es der Traum eines jeden Paparazzi gewesen: Fotograf am kaiserlichen Hofe mit Einblicken in das Alltagsleben des Herrschers zu sein. Rudolf Bruner-Dvořák (1864-1921) gelang es, mit seinen Aufnahmen den vor 100 Jahren in Sarajevo erschossenen Thronfolger Franz Ferdinand so zu beeindrucken, dass er diese exklusive Stellung im Jahr 1891 erhielt. Einige Dutzend Aufnahmen, die Bruner-Dvořák vom Erzherzog Franz Ferdinand und von Kaiser Franz Josef machte und die aus der privaten Sammlung des tschechischen Fotohistorikers Pavel Scheufler stammen, sind derzeit im Kulturforum im Sudetendeutschen Haus in München zu sehen. Scheuflers Fotoarchiv umfasst mehr als 30 000 Negative und Positive, die überwiegend aus der Zeit der Habsburgermonarchie bis 1918 stammen.

Rudolf Bruner-Dvořáks Franz Ferdinand und Kaiser Franz Josef bei einem unbekannten Manöver (Quelle: Sammlung Scheufler)

Rudolf Bruner-Dvořáks Franz Ferdinand und Kaiser Franz Josef bei einem unbekannten Manöver (Quelle: Sammlung Scheufler)

Rudolf Bruner-Dvořák (1864-1921) stammte aus dem ostböhmischen Přelouč, seine fotografische Ausbildung absolvierte er im Jahr 1887 beim hochangesehenen Münchner Hoffotografen Carl Teufel. Seine Berufsgenossen gingen, vor allem auch aus finanziellen Gründen, meist der Porträt-Fotografie nach, Rudolfs Leidenschaft galt jedoch der Momentaufnahme bzw. Fotografien, die zur Veranschaulichung der Berichterstattung genutzt wurden. Angeblich lehnte er Anfragen nach Porträt-Bildern wiederholt mit der lakonischen Erwiderung Ich mache nur Kühe, Pferde und Fabriken, und all das sind Sie nicht…“ ab.

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