Ein Tag im Märchenwald

Eine deutschsprachige Filmadaption des tschechischen Märchens „O Smoličkovi“ wird gerade in Bayern produziert.  Schaufenster Tschechien war am Set und berichtet über die magischen Dreharbeiten.

„Hol‘ den Wolf-Schwanz, und bitte schnell“, flüstert jemand in ein Walkie-Talkie.  Eigentlich sollte mir diese Aufforderung komisch vorkommen, aber heute ist kein normaler Tag. Ich bin am Jexhof im Kreis Fürstenfeldbruck, nicht weit weg von der bayerischen Landeshauptstadt, und habe, wenn ich mich nicht irre, gerade drei der sieben Zwerge gesehen.

Es ist der letzte Tag der Dreharbeiten für den neuen deutsch-tschechischen Märchenfilm Vom Smoliček. Die Sonne scheint und ein Zauber liegt in der Luft. Nur die Bitte, dass Rotkäppchen in den Schatten gehen solle, wenn die Szene zu Ende ist, holt mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen, denn bei den Brüdern Grimm musste das Mädchen ja nie an Sonnenschutz denken.

Vom_Smolicek_1

Neue Freunde für den Smoliček | (c) Antana Film

Weiterlesen

Advertisements

Karel Kryl: der singende Dichter, der dichtende Sänger

Ein Abend voller unbekannter Lieder und Gedichte von einem der bedeutendsten tschechischen Sängers des letzten Jahrhunderts

Der 25. Juni 2014 wird als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem im Tschechischen Zentrum München die Stühle ausgegangen sind. Bei vollem Haus wurde in Zusammenarbeit mit der Ackermann-Gemeinde eine Gedenkfeier der ganz besonderen Art veranstaltet.

Im Mittelpunkt stand eine wahre Legende der tschechischen Kultur: Der Sänger und vehemente Gegner unmenschlicher Politik Karel Kryl, der in der Zeit nach der Niederschlagung des Prager Frühlings berühmt wurde und dessen Lieder – mal trotzig, mal voller Klagen – die Stimmung ganzer Generationen wiedergab. Wäre Kryl nicht 1994 an einem Herzinfarkt gestorben, hätte er im April dieses Jahres seinen 70. Geburtstag gefeiert.

IMG_1175

(V. r. n. l.) Direktor des Tschechischen Zentrum München Ondřej Černý, Herausgeber Jan Šulc, Dolmetscherin Zuzana Jürgens sowie Karel Kryls Ehefrau Marlen | (c) Lothar Palsa

Zu Gast waren Kryls Ehefrau Marlen Kryl sowie der Herausgeber Jan Šulc. Der Star des Abends war aber zweifellos der Liedermacher selbst. Denn dank zahlreicher – größtenteils unbekannter – Aufnahmen konnte klar gezeigt werden, dass seine Kompositionen noch heute imstande sind, ein Publikum zu berühren, obwohl mittlerweile zwanzig Jahre seit seinem frühen Tod vergangen sind.

Weiterlesen

Ein deutsch-tschechisches Märchen

Ein Interview mit der Drehbuchautorin Lucie Lechner, deren deutschsprachige Adaption von Božena Němcovás Märchen  „O Smoličkovi“  (dt.: „Vom Smoliček“) gerade verfilmt wird.

Es hätte eigentlich gar keinen Film geben sollen. Lucie Lechner wollte ursprünglich nur ein Märchen in der Heimatsprache ihrer Eltern vorlesen. Sie fragte ihre Mutter nach einem guten Textvorschlag und suchte sich dann einfach die kürzeste Erzählung aus Božena Němcovás Pohádky (dt.: Märchen) aus.

Doch als sie anfing, für diesen geplanten Audiobeitrag zu üben, war ihr Kopf plötzlich voll von Bildern aus dem Märchen, das sie so bedenkenlos gewählt hatte. O Smoličkovi (dt.: Vom Smoliček) – die Geschichte eines kleinen Jungen, der zusammen mit einem Hirsch im Wald wohnt und eines Tages seine Neugier über die Außenwelt nicht mehr im Zaum halten kann – ließ sie seitdem nicht mehr los. Wie Lechner es erklärt, war die Entstehung ihres Drehbuches ein ziemlich organischer Prozess: „Ich habe mir jeden Abend die Zeit genommen, mich ins Schlafzimmer verkrümelt und meinen Text gelesen. Es war dann plötzlich, dass der Smoliček im Schlafzimmer rumgerannt ist, und ich gedacht habe, das geht nicht, das ist jetzt keine Audio mehr, da ist ja ein Film. Er [Smoliček] hat mich einfach an der Hand genommen und abgeholt.“

Smolicek-1_small

Der kleine Smoliček (Jakob Jilka) allein daheim | (c) Christian Müller www.christianmueller.org

Weiterlesen

Die Kunst des Übersetzens

Gespräch mit der renommierten Übersetzerin Kristina Kallert sowie Daniela Pusch (DE) und Frances Jackson (GB), Preisträgerinnen eines internationalen Übersetzungswettbewerbs zum 100. Geburtstag Bohumil Hrabals.

Anlässlich des 100. Geburtstags Bohumil Hrabals wurde gemeinsam von den Tschechischen Zentren sowie der Literatursektion des Prager Kunstinstituts ein Wettbewerb für Übersetzer unter 35 Jahren veranstaltet. Weltweit wurden junge Bohemisten aufgefordert, einen noch nicht in ihre Muttersprache übertragenen Prosatext aus dem Œuvre des subversiven Schriftstellers zu übersetzen. Für die deutschen Teilnehmer war es etwa die Kurzerzählung Perlička na dně (dt.: Perlchen auf dem Grund), die es zu übersetzen galt.

Daniela Puschs Übersetzung von Perlička na dně überzeugte die deutsche Jury im Hrabal-Übersetzungswettbewerb | (c) Tobias Melzer

Bis zum 28. Februar 2014 hatten sich insgesamt 138 Übersetzer aus 12 Ländern der Herausforderung gestellt. Aus ihren Einsendungen wurde pro Land eine Arbeit ausgezeichnet und deren Verfasser bzw. Verfasserin Mitte Mai mit einem dreitägigen Aufenthalt mit literarischem Programm in der tschechischen Hauptstadt prämiert. Die 10 Preisträgerinnen und zwei Preisträger trafen sich dort nicht nur mit unterschiedlichen Vertretern der tschechischen Literaturszene, sondern lernten auch einige etablierte Übersetzer kennen, die ihnen nützlichen Rat geben konnten.

Weiterlesen

Süßigkeiten aus einer bitteren Zeit

Lesung im Tschechischen Zentrum München mit Jakuba Katalpa, Autorin von „Němci“ (dt.: „Die Deustchen“), einem Roman über eine generationsübergreifende deutsch-tschechische Familientragödie.

Němci

Jakuba Katalpas Roman Němci erschien 2012 im Brünner Host-Verlag

Das Thema Vertreibung hat sich im letzten Jahrzehnt als fruchtbar für Romane erwiesen, vor allem innerhalb einer neuen Generation junger tschechischer Autorinnen. Den ersten großen Erfolg hatte Radka Denemarková vor gut neun Jahren mit Peníze od Hitlera (dt.: Geld von Hitler; veröffentlicht 2009 in Deutschland als Ein herrlicher Flecken Erde). Danach folgte Kateřina Tučkovás Vyhnání Gerty Schnirch (dt.: Die Vertreibung der Gerta Schnirch), und als Jakuba Katalpa 2012 Němci (dt.: Die Deutschen) herausbrachte, wuchs erneut die Zahl der Frauen, die sich literarisch mit einem der heikelsten Kapitel der deutsch-tschechischen Vergangenheit auseinandersetzen.

Auf Einladung des Adalbert Stifter Vereins, des Deutschen Kulturforums östliches Europa und des Tschechischen Zentrums München ist Katalpa am 13. Mai 2014 in die bayerische Landeshauptstadt gereist, um aus ihrem preisgekrönten dritten Roman zu lesen. Für das Münchner Publikum war diese Lesung etwas Besonderes, weil das Buch noch nicht auf Deutsch vorhanden ist. Während Katalpa in ihrer Muttersprache vorlas, wurden die Auszüge, speziell übersetzt ins Deutsche von Doris Kouba, auf eine Leinwand projiziert, damit die Prosa nicht nur für Gäste mit Tschechisch-Kenntnissen zu genießen war.

Weiterlesen