Die Stärke von Eva Tomanovás Dokumentarfilm ist das Fragen

Eva Tomanovás Dokumentarfilm Always together (Stále spolu, CZ 2014) gleicht einer Sonde, die direkt in das Leben einer Familie führt, die einen alternativen Zugang zum Leben gefunden hat. Es ist ein Zeugnis, das den Zuschauer eher mit Fragen zurücklässt, als eindeutige Antworten zu geben. Der Film porträtiert das Leben eines Ehepaars, das eine „andere“ Art der Existenz gewählt hat. Die ehemaligen Bergsteiger, Petr und Simona Mlčoch, entschieden sich irgendwann dafür, Prag zu verlassen und irgendwohin zu ziehen, wo sie die die Gewohnheiten der Mehrheitsgesellschaft ignorieren und mit der Natur verschmelzen konnten. Sie wählten dafür den Böhmerwald und ließen sich gemeinsam mit ihren Kindern in einem Wohnwagen nieder: ohne Wasser, Elektrizität und weitere „Errungenschaften“ der modernen Gesellschaft. Im Winter fahren sie dann mit dem Caravan nach Spanien, wo sie durch Musizieren auf den Märkten etwas Geld verdienen. Und so leben sie schon über zwanzig Jahre.stale-spolu

Tomanová zeigt in ihrem Film das Alltagsleben jedes Einzelnen dieser etwas „anderen“ Familie und enthüllt nach und nach ihre Beziehungen untereinander. Es ist erstaunlich, wie nah die Filmkamera an das Privatleben der Familie herangekommen ist. Der Zuschauer kann dadurch einen intimen Blick in eine Welt werfen, in der vollkommen andere Regeln gelten, als er es gewohnt ist. Im Film versucht die Regisseurin der Frage nachzugehen, was die Protagonisten des Films motiviert hat, ihr Leben derart radikal umzugestalten.

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Hommage an Věra Chytilová

Vom 06.03. bis 12.04.2015 hatte das Münchner Publikum die Chance, die gesamte Filmografie der tschechischen Ausnahme-Regisseurin Věra Chytilová kennenzulernen. Ein Jahr nach Ihrem Tod zeigte das Filmmuseum München eine fünfwöchige Retrospektive zu Ehren Věra Chytilovás, in der alle Themen, auf die Věra Chytilová besonderen Wert gelegt hat, Raum bekamen. Die Frauen und ihre Schicksale in verschiedenen Zeiten, Lebenssituationen und soziale Umgebungen wurden zum Hauptthema ihres Lebenswerkes, die in den Filmen Pytel Blech (Ein Sack Flöhe), Strop (Die Decke), O něčem jiném (Von etwas anderem), Sedmikrásky (Tausendschönchen), Hra o jablko (Ein bisschen schwanger), Pasti, pasti, pastičky (Große Fallen, kleine Fallen) oder Hezké chvilky bez záruky (Angenehme Momente) ihren Ausdruck fanden. Ihr Bestreben, auf gesellschaftliche Leiden und Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen und menschliche Belanglosigkeit zu verspotten, hat aus ihr Mitte der 60er Jahre eine Persönlichkeit europäischen Formats gemacht, wobei sie den Sarkasmus und die Kompromisslosigkeit zu ihren Waffen zu machen wusste. Für den britischen The Guardian war sie daher die Margareth Thatcher der tschechischen Kinematografie. Die folgenden Zeilen sind eine bearbeitete Version des Einleitungstexts zur Retrospektive aus dem Programmheft des Münchner Filmmuseums. Der Text stammt von der Filmkritikerin und Journalistin Jana Podskalská.

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Aus dem Film Sedmikrásky (Tausendschönchen). © NFA

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Ein Film über das, was wir nicht vergessen sollten

Der tschechische Regisseur Zdeněk Flídr interessiert sich schon länger für die Geschichte und Kultur sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Menschen dies- und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze. Er hat bereits mehrere Dokumentarfilme gedreht, z. B. über die Lausitzer Sorben in Ostdeutschland oder über Karel Klostermann, den Dichter des Böhmerwalds. Mit seiner neuesten Dokumentarfilmtrilogie kehrt er thematisch zum Böhmerwald zurück, woher er selbst stammt. Die eindrucksvolle Filmreihe über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung im Böhmerwald und Bayerischen Wald ist ein einzigartiges Zeugnis vom Leben der jüdischen Gemeinde in dieser Region, die nach dem Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich verschwand.

Zu sehen war die Trilogie im Rahmen des monatlichen tschechischen Filmabends im Münchner Arena Filmtheater am 4. Februar 2015. Nach der Filmvorführung verließ das Publikum schweigend und in Gedanken vertieft das Kino. Doch das entsprach durchaus den Absichten des Regisseurs. „Der Film zeigt auch das, was nur schwer anzusehen ist, aber was dennoch nicht vergessen werden darf“, so Flídr.

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Auf unvergleichliche Weise dokumentiert der Film Erinnerungen von Zeitzeugen und Erzählungen von Historikern und rekonstruiert damit für den Zuschauer die fast vergessene Geschichte des Zusammenlebens von Juden, Tschechen und Deutschen im Böhmerwald und Bayerischen Wald. Beginnend im 10. Jahrhundert erstreckt sich die erzählerische Linie des Filmes bis in die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht die Geschichte der jüdischen Familie Getreuer, die vor dem Zweiten Weltkrieg in dem kleinen Dorf Mostek/Schwanenbrükl im Böhmerwald lebte. Das Drehbuch wurde von den Erinnerungen Luisa Getreuers und den Tagebüchern ihres Bruders Walter Getreuer inspiriert, die beide nach Amerika geflohen waren und dort den Krieg überlebt hatten. Dass ihre Eltern und Verwandte in den Konzentrationslagern ums Leben gekommen sind, erfuhren die Geschwister erst 1947.

Ich möchte, dass in den Leben der Menschen, von denen der Film erzählt, jeder Zuschauer begreift, was es bedeutet, das Geburtshaus zu verlassen, die Kleinigkeiten, die ihm lieb waren, die Freunde, das ganze Vermögen zu verlieren, die Demütigung zu erleben und schließlich sogar ums Leben zu kommen“, so der Regisseur Flídr für das tschechische Nachrichtenportal Deník.cz.

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Die Prager Schaltstelle für Film: Eva Přibylová

Film ist einer der Schwerpunkte im Tschechischen Zentrum. Bereits seit vierzehn Jahren werden alljährlich die aktuellsten Spielfilme bei der Tschechischen Filmwoche in München präsentiert.

Außerdem wird im Arena Filmtheater München jeden ersten Mittwoch des Monats ein tschechischer Spiel- oder Dokumentarfilm gezeigt, so zum Beispiel im November der Film „Swingtime“ von Jaromír Polišenský. Wie viel Arbeit jedoch dahinter steckt, tschechische Filme in ausländische Kinos zu bringen, das sieht man meistens nicht. Eine, die das aber sehr genau weiß, ist Eva Přibylová. Sie arbeitet als Koordinatorin für Filmprojekte in der Prager Zentrale der Tschechischen Zentren. Das bedeutet, dass sie nicht nur die Tschechischen Zentren zum Beispiel in Budapest oder Bukarest in Sachen Film berät, sondern auch die Botschaften, Konsulate und andere tschechische Einrichtungen im Ausland.

Eva Přibylová

Eva Přibylová

Etwa dreißig bis vierzig Filme werden pro Jahr in der Tschechischen Republik produziert, wobei aber nur etwa drei oder vier davon wirklich gut sind, erklärt Eva Přibylová. Obwohl sie an keiner Filmakademie studiert hat, kennt sie sich in der tschechischen Kinematografie wie kaum ein anderer aus. Als Filmkoordinatorin kümmert sie sich um alles, was notwendig ist, damit der gewünschte Film (Spiel-, Dokumentar-, Kurz-, Zeichentrickfilme) erfolgreich im Ausland gezeigt werden kann. Sie spricht Empfehlungen aus, verhandelt die Filmvorführungsgebühren, überprüft, in welchem Format der Film vorhanden ist oder welche Untertitel benötigt werden. Es verwundert daher nicht, dass sie an einem normalen Arbeitstag vor allem telefoniert und E-Mails schreibt. Weiterlesen

Der Filmstar, der eigentlich nur schreiben will

Ein Gespräch mit dem tschechischen Schauspieler Jiří Mádl über die Entstehung seines ersten Films „Pojedeme k moři“.

Im Moment gibt es in der tschechischen Filmszene wohl nur wenige Figuren, deren Stern heller leuchtet als der von Jiří Mádl. Dem 27-Jährigen ist bereits 2004 mit der Teenagerkomödie Snowborďaci (dt.: Snowborder) der Schauspiel-Durchbruch geglückt, und seitdem folgte Kassenschlager auf Kassenschlager. Insbesondere unter dem weiblichen Publikum fanden seine natürlichen Auftritte immer wieder großen Anklang. Auch wenn der Ruf eines Mädchenschwarms noch an ihm haftet, hat Mádl in den letzten Jahren dennoch deutlich gezeigt, dass er der Kinoleinwand viel mehr anzubieten hat als bloß jungenhafte Charme und ein gewinnendes Lächeln.

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Jiří Mádl (r.) bei den Dreharbeiten von Pojedeme k moři mit Haupdarsteller Petr Šimčák (Tomáš) | (c) Bio Illusion

Sein mehrfach prämiertes Regiedebüt Pojedeme k moři (dt.: Das Meer sehen) startete tschechienweit im April 2014 und zählt dort bereits zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres. Die außergewöhnliche Komödie, für die Mádl auch das Drehbuch schrieb, erzählt von Tomáš, einem liebenswürdigen Lausebub aus Budweis, der gerne der nächste Miloš Forman werden würde. So beschließt er, eine Dokumentation über sein eigenes Leben zu drehen – der Beginn von allerlei spitzbübischen Abenteuern.

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Ein Tag im Märchenwald

Eine deutschsprachige Filmadaption des tschechischen Märchens „O Smoličkovi“ wird gerade in Bayern produziert.  Schaufenster Tschechien war am Set und berichtet über die magischen Dreharbeiten.

„Hol‘ den Wolf-Schwanz, und bitte schnell“, flüstert jemand in ein Walkie-Talkie.  Eigentlich sollte mir diese Aufforderung komisch vorkommen, aber heute ist kein normaler Tag. Ich bin am Jexhof im Kreis Fürstenfeldbruck, nicht weit weg von der bayerischen Landeshauptstadt, und habe, wenn ich mich nicht irre, gerade drei der sieben Zwerge gesehen.

Es ist der letzte Tag der Dreharbeiten für den neuen deutsch-tschechischen Märchenfilm Vom Smoliček. Die Sonne scheint und ein Zauber liegt in der Luft. Nur die Bitte, dass Rotkäppchen in den Schatten gehen solle, wenn die Szene zu Ende ist, holt mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen, denn bei den Brüdern Grimm musste das Mädchen ja nie an Sonnenschutz denken.

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Neue Freunde für den Smoliček | (c) Antana Film

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Tschechischer Gegenwartsfilm für Anfänger

Im Interview mit „Schaufenster Tschechien“ erzählt die Filmjournalistin Jana Podskalská von den Höhen und Tiefen der modernen tschechischen Kinematografie.

Selten trifft man auf jemanden, der so viel Einsicht in die aktuelle tschechische Filmindustrie hat, wie Jana Podskalská, Filmjournalistin und Kritikerin bei der Tageszeitung Deník. Ihre Begeisterung für die Kinematografie begann als die gebürtige Pilsnerin noch Schülerin war. Bevor sie überhaupt mit ihrer journalistischen Ausbildung angefangen hatte, besuchte Podskalská schon Vorlesungen zum Thema Film an der Karls-Universität in Prag.

Nun kann sie auf eine mehrjährige Berufserfahrung in der Branche zurückblicken und weiß sehr genau, was den tschechischen Film ausmacht: Es ist dieser spezielle Humor, nicht ganz so trocken wie in Großbritannien, doch oft schwarz und sarkastisch, wie zum Beispiel in den Filmen von Petr Zelenka und Robert Sedláček, oder etwas milder, wie bei Jan Svěrák oder Alice Nellis. „Man sagt, dass wir schwejkieren, dass wir schwerwiegende Sachen verharmlosen und nicht komplett ernst nehmen.“, erklärt Podskalská. „Der Begriff kommt aus der Literatur und bezieht sich auf die Hauptfigur von Jaroslav Hašeks Osudy dobrého vojáka Švejka za světové války (dt.: Die Abenteuer des guten Soldaten Schwejk im Weltkrieg).“

Revival

In Alice Nellis‘ Film Revival ist der tschechische Humor reichlich vorhanden | IN Film Praha

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